Reisen in der Trauer

Irgendwann war sie einfach da, die Idee um den Bodensee zu laufen. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gemacht: Eine mehrtägige Wanderung und dann noch ganz alleine. Fast keiner in meinem Umfeld hat geglaubt, dass ich das schaffen könnte, so untrainiert wie ich war. Aber all jene Zweifler hatten meinen starken Willen unterschätzt. Ich stellte mein Auto auf dem Klosterparkplatz in Hegne ab und ging los. Ich startete gleich mal damit, dass ich mich gnadenlos im Wald verlief. Nach einer Stunde kam ich an der Stelle wieder heraus, wo ich gestartet war. Ich war also einfach im Kreis gelaufen. Letztendlich erreichte ich Konstanz aber doch noch. Die ersten Tage waren kraftzehrend, der schwere Rucksack auf dem Rücken, die Schmerzen, die Orientierung, der Regen. Ich schaute nicht nach rechts und links. Ich wollte nichts sehen, nicht hören, einfach laufen. Nur der Wille ließ mich durchhalten. Erst nach fünf Tagen sprachen mich die ersten Menschen an, was ich mache, wo ich herkomme, wo ich hingehe. Wahrscheinlich war mein Blick offener, freundlicher geworden.

 

 

Ich traf keinen, der auch um den See lief außer mir.

Am Tag 12 kam ich an die Stelle, an der der Rhein in den See mündete. Erst hier hatte ich verstanden, wie ich den Rucksack einstellen konnte, dass er nicht mehr so auf meine Schultern drückte, erst da stellten sich Glücksgefühle ein. Und es entstand der Gedanke: Das mache ich wieder. Jetzt begann ich mich erneut dem Leben zuzuwenden. Ich begann zu recherchieren, durch welche Orte ich laufen würde, was ich dort besichtigen könnte. Am allerletzten Tag kam ich dann tatsächlich von der anderen Seite auf mein Auto zu. Mir liefen die Tränen übers Gesicht. Ich habe es geschafft. Ich habe es wirklich geschafft.

Das gab mir so viel Kraft für die Zukunft. Ich kann es auch alleine schaffen, ohne meinen Mann. Ich brauchte nur mir zu vertrauen.