Mein Tag am Meer oder das Wunder des Leben

Heute ist mein zweiter Tag auf der Insel. Heute werde ich bei meiner Inselumrundung vom Wattenmeer an die Nordsee wandern. Ich fühle wie ein Glücksgefühl in mir aufsteigt. Endlich. Heute werde ich den ganzen Tag das Meer sehen. Durch Google Maps bin ich darauf vorbereitet, dass hier keine Zivilisation sein wird. Mein Kopf ist vorbereitet, ich nicht.
Bei meiner Ankunft am Deich läuft dort eine Frau mit dem Handy am Ohr. Ich weiß noch nicht, dass es für Stunden die letzte Menschenseele sein wird, die ich zu sehen bekomme.
Wenn ich oben auf dem Deich gehe, habe ich einen Blick über das Wattenmeer, aber der Boden ist uneben. Das ist mit meinem schweren Travellerrucksack auf dem Rücken anstrengend. Bleibe ich unten auf dem befestigten Weg, sehe ich rechts nur den Deich als grüne eintönige Wand und links von Prielen durchzogene Salzwiesen. Noch voller Schwung wechsle ich ab. Mal laufe ich oben, dann wieder unten. Es fühlt sich herrlich in meiner Brust an. Ich könnte die Welt umarmen. Ich genieße die Freiheit. Ich kann jetzt machen, was ich will.
Das dauert eine ganze Weile bis ich spüre, was so fremd ist, ja, was mich irritiert. Diese Stille. Diese unfassbare Stille. Ich bin am Meer ohne Wellenschlag. Wo ist das Wasser? Relativ weit unten am Deich entdecke ich Ansammlungen von Zweigen und Tang. Ich überlege, ob dort vor kurzem Wasser gestanden ist. Ich kann mir das gar nicht vorstellen, denn jetzt sehe ich ja nur in der Ferne nassen Sand bedeckt mit ein paar Pfützen. Beim genauen Hinschauen, stelle ich aber rasch fest: Es muss so gewesen sein. Zwischen Tang und Zweigen liegen hier unzählige Muscheln, Sepiaschalen und Federn. Irgendwie hängen die Federn so aneinander, dass es aussieht, als lägen hier ganze Flügel. Obwohl das ein beklemmendes Gefühl in mir auslöst-denn da ist die Frage: Was ist mit den Vögeln geschehen? -, gebe ich dem Drang nach und fange an, mich zu bücken und zu sammeln. Ich weiß, ich werde das alles noch tagelang tragen müssen. Ich weiß es. Ach, ich schaffe das schon. Irgendwie. Wie war das? Ich bin ja ein Kran, wie ein Freund nach dem Tod meines Mannes über mich sagte. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Ich gehe weiter.
Mit der Zeit bemerke ich, dass es nirgendwo eine Möglichkeit gibt, sich zu setzen. Eine Weile später kommt die Erkenntnis, dass es auch keine Toiletten geben wird. Und der Weg zieht sich hin. Wenigstens ist es heute nicht so entsetzlich kalt. Die Sonne scheint. Und wenn ich oben auf dem Deich bin, kann ich über dem Meer, von dem ich entschieden habe, dass es kein Meer ist, Land und ein paar Häuser zu mir herüberblitzen sehen. Das macht mir Mut, denn da will ich hin.
Da. Plötzlich fällt mich etwas beunruhigend von hinten an. Es wird mit einem Schlag empfindlich kalt. Ich ziehe die Schultern ein. Was ist das? Ich blicke mich um. Meine Pupillen weiten sich. Die Haare stehen mir zu Berge. Eine Nebelwand türmt sich hinter mir auf. Ich beschleunige meinen Schritt, aber das macht überhaupt keinen Sinn. In wenigen Minuten ist sie bei mir und hüllt mich ein. Es fühlt sich keineswegs an wie eine Umarmung. Es gibt mir nicht die geringste Sicherheit. Ich fühle mich nicht geborgen. Ich empfinde Angst.
Da ich jedoch ein Glückskind bin, lichtet sich der Nebel an einigen Stellen rasch wieder. Ich sehe bereits die Sonne durchblitzen. Ich bleibe wie verzaubert stehen und staune über das Schauspiel, das sich mir bietet. Gerade eben fühlte ich mich noch völlig einsam, verloren im Watt, doch nun öffnet sich mir das Wesen der Natur. Ich lausche dem Leben. Ein magischer Moment, der für immer bleiben wird. Diesen Moment werde ich mein Lebenlang nicht vergessen. Das Leben hat sich mir offenbart. In mir ist eine Wandlung vorgegangen. Ich bin immer noch ich, aber ich bin nicht mehr das Ich, was ich bis gerade noch war.
Später beginnt das Wasser am Horizont zu glitzern. Es ist bereits Nachmittag. Und ich laufe und laufe immer noch tapfer weiter. Ich glaube, jetzt kommt die Flut. Mit der Flut komme ich in einen Bereich der Küste, der von Spaziergängern stärker frequentiert wird.
Menschen überholen mich, kommen mir entgegen, schwätzen, plaudern, unterhalten sich. Ich laufe auf einem 6 km langen Damm meinem Etappenziel entgegen. Inzwischen kämpfe ich gegen die Schmerzen in meinem rechten Knie. Wieder einmal der zweite Tag, der mir Schmerzen bereitet. Rechts ein Stück den Abhang hinunter sehe ich die erste Bank. Mich hinzusetzen wäre ein Traum. Ich versuche hinzugelangen und stelle fest, ich bin wegen des Knies nicht in der Lage, das Stück abwärts zu gehen. Ich muss mit der Treppenstufe am Siel vorliebnehmen. Ich muss irgendwie das Hotel erreichen. Nein, schreit es in mir. Ich will doch noch auf die andere Seite. Ich will doch noch ans Meer. Ich muss heute noch die Nordsee sehen. Ich muss. Tatsächlich ermöglicht es mir mein starker Wille an dem Abend noch einen weiteren meditativen Moment zu erleben. Wie eine Löwin kämpfe ich mich trotz starker Schmerzen durch den weichen, tiefen Sand an den Strand vor und erlebe dort den Sonnenuntergang. Und noch etwas anderes. Endlich. Endlich ist es da, das Meeresrauschen. Ich atme tief ein. Ein Seufzen entschlüpft meiner Brust. Wie ein Schwamm sauge ich alles in mich auf. Ein unendlicher Frieden breitet sich in mir aus. In tiefster Verbundenheit mit dem Leben endet dieser Tag für mich. Mein Tag am Meer.


